Latein


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Inmitten der lateinischen Sprache ruht ein Wort, dessen Bedeutung von den Römern für unser alltägliches Leben als unerlässlich erachtet wurde: „otium“. Dieses Wort übersetzen wir zumeist mit „Muße“. Muße benötigen wir, worauf die römischen Schriftsteller immer wieder hinwiesen, nicht nur zum Schreiben und Lesen, sondern zum Leben überhaupt.

Das Erlernen der lateinischen Sprache erfordert von den Kollegiatinnen und Kollegiaten zunächst genau dies: sich in – zuweilen verspielter – Muße einem Text hingeben zu können; denn es finden immer wieder Text-Reisen in die Vergangenheit unserer europäischen Kultur statt. Insofern richtet sich das Fach an all diejenigen, die zurück wollen („zu den Quellen“)…
Wer sich entschließt, die lateinische Sprache zu lernen, entschließt sich zugleich, einer Schrift-Welt zu begegnen, der er sich über Lektüren annähert. Diese Annäherungsbewegung erfordert sowohl hohe Konzentrationsfähigkeit als auch eine „Lust am Text“ (Barthes). Aber ebenso notwendig ist das kontinuierliche Erlernen lateinischer Vokabeln und grammatischer Strukturen. Gefördert wird ein Sprach-Denken, das Einsicht gibt in das Funktionieren von Sprache überhaupt. Latein ist zunächst eine Schriftsprache, die im Unterricht (im Gegensatz zu den modernen Fremdsprachen) weniger gesprochen als gelesen wird.

In den ersten Semestern, das heißt: vom Vorkurs an über die E-Phase bis zum Ende des zweiten Semesters der Qualifikationsphase (Q2) wird mit dem Lehrbuch „Latinum“ gearbeitet. In diesen vier Semestern erlernen die Kollegiaten und Kollegiatinnen basale grammatische Strukturen der lateinischen Sprache und erwerben sich einen Grundwortschatz; zugleich bilden diese ersten Semester eine Einführung in die antike Mythologie und Kulturgeschichte und insbesondere in die römische Geschichte und Politik.
Im Vorkurs werden die ersten fünf (idealerweise: sechs) Lektionen des Lehrbuchs bearbeitet. Ein wesentliches Ziel des Vorkurses ist auch das Erlernen der Aussprache und Betonung lateinischer Wörter mit Unterstützung von Hör-CDs.
Vertiefung der grammatischen und kulturhistorischen Kenntnisse (u.a. durch Exkursionen) und Weiterführung der Lehrbucharbeit (Lektion 6 bis 15).
1. | 2. Kurshalbjahr
Latein wird am Charlotte-Wolff-Kolleg nur als Grundkurs (GK) angeboten. So wird in den ersten beiden Semestern die Lehrbuch-Arbeit abgeschlossen, wobei auch erste zaghafte Begegnungen mit der lateinischen Lyrik stattfinden. Vertieft werden in dieser Unterrichtsphase auch Fragen der Stilistik und Rhetorik. Insofern ist Latein nicht nur, was die Schulung der grammatischen Analysefähigkeit anbetrifft, sondern auch in Bezug auf stilanalytische Fragestellungen ein sehr gutes Propädeutikum, also eine Art „Vorschule“, für den Deutschunterricht.
3. | 4. Kurshalbjahr
Die letzten beiden Semester bis zum Abitur – Latein kann als Abiturfach gewählt werden – widmen sich der Lektüre römischer Autoren. Gelesen werden Auszüge aus Caesars „Der gallische Krieg“ und aus Ciceros Reden (z.B. „Gegen Verres“). Diese Lektüren bilden zugleich die Vorbereitung auf die Latinumsprüfung, die im Allgemeinen nach dem mündlichen Abitur stattfindet. Die Prüfung wird freiwillig abgeschlossen.
- Wilfried Stroh, Latein ist tot, es lebe Latein! Kleine Geschichte einer großen Sprache, Berlin 2007.

- Jules Marouzeau, Das Latein. Gestalt und Geschichte einer Weltsprache, München 1966 (nur noch antiquarisch erhältlich; ein großartiges Buch!).

- Gustav Schwab, Sagen des klassischen Altertums, Frankfurt am Main 1976 (ein schöner Begleiter für lange Winterabende).

Das ist eine häufig gestellte Frage; sie entspringt dem utilitaristischen Denken einer Gesellschaft, die ihre Entscheidungen nutzenorientiert fällt. Zunächst soll jedoch auf diese Frage geantwortet werden. Noch immer verlangen einige Studiengänge als Voraussetzung das „Latinum“, das am Kolleg erworben werden kann; das Latinum kann zwar auch an der Universität nachgeholt werden; jedoch geschieht dies – semesterbegleitend – in zumeist eineinhalbjährigen, arbeitsintensiven Kursen. Es ist schwierig, eine genaue Liste von Fächern zu erstellen, die das Latinum verlangen, da es hier von Bundesland zu Bundesland – immer noch – Abweichungen und Lizenzen gibt: Viele Universitäten verlangen das Latinum als Voraussetzung für das Studium der romanischen Sprachen, der deutschen Philologie, der Anglistik, der Religions- und Geschichtswissenschaften, der Philosophie, der Archäologie; nicht benötigt wird das Latinum an einigen Universitäten z.B. für Rechtswissenschaften oder die medizinischen Studiengänge. Hier werden nur Lateinkenntnisse erwartet und gegebenenfalls Terminologiekurse angeboten. Aber gerade durch die Umstellung auf das Bachelor- bzw. Master-Studium (Bologna-Prozess) hat sich hier vieles geändert.

Die eigentliche Motivation für das Erlernen der lateinischen Sprache sollte jedoch das Interesse an der Antike sein, das neugierige, suchende Fragen: Wo kommen wir her? Die Reisen in die antiken Textwelten sind auch immer Reisen zu uns selbst. Zum einen werden wir durch viele Themen der antiken Mythologie und Philosophie mit uns – existentiell – konfrontiert, zum anderen lassen sich bestimmte Grundzüge auch und gerade der modernen Welt nur rückblickend begreifen.

Ebenso notwendig für das Erlernen der lateinischen Sprache ist jedoch, um es noch einmal abschließend zu wiederholen, eine„Lust am Text“, am Übersetzen, am Code-Knacken, am geduldigen, langsamen Lesen schwieriger Texte. Man benötigt zuweilen einen langen Atem…

Ihr Ansprechpartner in diesem Fach ist Dr. Nils B. Schulz