
Inmitten der lateinischen Sprache ruht ein Wort, dessen Bedeutung von den Römern für unser alltägliches Leben als unerlässlich
erachtet wurde: „otium“. Dieses Wort übersetzen wir zumeist mit „Muße“. Muße benötigen wir, worauf die römischen Schriftsteller immer wieder hinwiesen, nicht nur zum Schreiben und Lesen, sondern zum Leben überhaupt.
Das Erlernen der lateinischen Sprache erfordert von den Kollegiatinnen und Kollegiaten zunächst genau dies: sich in – zuweilen verspielter – Muße einem Text hingeben zu können; denn es finden immer wieder Text-Reisen in die Vergangenheit unserer europäischen Kultur statt. Insofern richtet sich das Fach an all diejenigen, die zurück wollen („zu den Quellen“)…
Wer sich entschließt, die lateinische Sprache zu lernen, entschließt sich zugleich, einer Schrift-Welt zu begegnen, der er sich über Lektüren annähert. Diese Annäherungsbewegung erfordert sowohl hohe Konzentrationsfähigkeit als auch eine „Lust am Text“ (Barthes). Aber ebenso notwendig ist das kontinuierliche Erlernen lateinischer Vokabeln und grammatischer Strukturen. Gefördert wird ein Sprach-Denken, das Einsicht gibt in das Funktionieren von Sprache überhaupt. Latein ist zunächst eine Schriftsprache, die im Unterricht (im Gegensatz zu den modernen Fremdsprachen) weniger gesprochen als gelesen wird.
Im Vorkurs werden die ersten fünf (idealerweise: sechs) Lektionen des Lehrbuchs bearbeitet. Ein wesentliches Ziel des Vorkurses ist auch das Erlernen der Aussprache und Betonung lateinischer Wörter mit Unterstützung von Hör-CDs.
- Jules Marouzeau, Das Latein. Gestalt und Geschichte einer Weltsprache, München 1966 (nur noch antiquarisch erhältlich; ein großartiges Buch!).
- Gustav Schwab, Sagen des klassischen Altertums, Frankfurt am Main 1976 (ein schöner Begleiter für lange Winterabende).
Die eigentliche Motivation für das Erlernen der lateinischen Sprache sollte jedoch das Interesse an der Antike sein, das neugierige, suchende Fragen: Wo kommen wir her? Die Reisen in die antiken Textwelten sind auch immer Reisen zu uns selbst. Zum einen werden wir durch viele Themen der antiken Mythologie und Philosophie mit uns – existentiell – konfrontiert, zum anderen lassen sich bestimmte Grundzüge auch und gerade der modernen Welt nur rückblickend begreifen.
Ebenso notwendig für das Erlernen der lateinischen Sprache ist jedoch, um es noch einmal abschließend zu wiederholen, eine„Lust am Text“, am Übersetzen, am Code-Knacken, am geduldigen, langsamen Lesen schwieriger Texte. Man benötigt zuweilen einen langen Atem…




























